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Alles natürlich: Dr. Jo Elworthy vom Eden Project erklärt die Chemie ätherischer Öle

“Stell dir vor, du bist gefesselt und hast Hunger. Vor dir steht Essen, aber du kommst nicht dran. Stell dir vor, du hast Durst und es gibt Wasser, aber auch das erreichst du nicht. Du willst mit jemandem knutschen, aber die Person ist zu weit weg. Und plötzlich wirst du von einem Raubtier attackiert, aber du kannst dich nicht bewegen…”

Dr. Jo Elworthy

Dr. Jo Elworthy, Pflanzenexpertin und Director of Interpretation des Eden Project in England, entwirft ein fürchterliches Szenario. Fast all diese Situationen würden beim Menschen zum Tod führen – nur im Falle der Attacke zu einem schnellen.

Bei Pflanzen sieht das Ganze anders aus. Sie leben an einem Ort, gewöhnlich ihr gesamtes Leben lang, erhalten alles, was sie benötigen, von ihrer unmittelbaren Umgebung, und schützen sich und ihre Nachkommen mit geschickten Verkleidungen und ausgeklügelter Chemie. Sie sind notwendig für jedes Ökosystem, ohne Pflanzen gäbe es keine Menschen. Doch was macht sie so kraftvoll und überlebenswichtig? Die Antwort ist elementar – sie steckt in ihrer Chemie.

Pflanzen leben seit Millionen von Jahren auf der Erde, und das an den unwirtlichsten Orten, die man sich vorstellen kann. Ob gigantische Wurzeln zum Überleben in der Wüste, oder die Imitation tierischer Pheromone, um Insekten anzulocken, Pflanzen sind Meister der Anpassung. Ihre ätherischen Öle spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Jo erklärt: “Pflanzen würden keine ätherischen Öle produzieren, hätten diese keinen tieferen Nutzen. Damit meine ich einen direkten Nutzen für die Pflanze. Alles weitere ist Nebensache. Wieso sollte eine Pflanze solch eine komplizierte Chemikalie herstellen, hätte sie keine Funktion?”

Ein Weg, sich selbst am Leben zu erhalten, ist die Produktion sogenannter sekundärer Pflanzenstoffe. Das sind organische Bestandteile, die zahlreiche Effekte haben. Sie können giftig, duftend, halluzinogen, ätzend oder faulig sein. Man kann sie einteilen in abwehrend, schützend und anziehend. Dank dieser Effekte können wir sie vielseitig verwenden. Koffein, Kokain, Morphin, Gummi und ätherische Öle sind allesamt sekundäre Pflanzenstoffe.

Einige sekundäre Pflanzenstoffe sind flüchtig, sie verdampfen also schnell. Flüchtige organische Verbindungen (VOCs) haben viele Funktionen, eine ist die Speicherung von Feuchtigkeit in der Pflanze. In heißen, langen Sommern etwa im Mittelmeerraum benötigen Pflanzen jeden Tropfen Wasser, ihre VOCs helfen ihnen dabei, diese einzusammeln.

Da VOCs oftmals duften, sind sie sehr beliebt. Darüber hinaus haben sie meist einen starken Geschmack. Denk an einen Garten voller Thymian, Rosmarin und Oregano – sie alle duften himmlisch und sorgen für Aroma in Essen und Getränken. Doch das geschieht nicht unseretwegen, es gibt einen anderen Zweck. So wird verhindert,dass die Pflanzen gefressen werden. Ein Stück Brot voller Rosmarin und Knoblauch mag uns zwar schmecken, aber einige Insekten verabscheuen und meiden diese Pflanzen.

Es geht jedoch nicht immer um Abwehr. Pflanzen müssen untereinander und mit anderen Organismen kommunizieren, um sich zu reproduzieren. Jo erklärt: “Rosen und andere Blumen verfolgen einen anderen Zweck. Sex. Blüten sind modifizierte Blätter, die Öle produzieren. Diese locken Insekten an, die die Pollen von Blume zu Blume tragen.”

Ganz so, wie wir den Duft der Rosen nutzen, um andere anzuziehen, erzeugen die Rosen selbst romantische Stimmung für ein Date zum Pollenaustausch und um ein Baby zu machen – besser gesagt Samen. Jo betont, dass jeder Teil einer Pflanze einen Sinn hat; während Rosenblüten der Reproduktion dienen, sind die Blätter Solarzellen mit Wachsschicht, die die Pflanze vor dem Austrocknen bewahren.

Pflanzen produzieren nicht nur Chemikalien, die wir als Geschmacks- und Duftstoffe nutzen, sie sind essentiell für jegliches Leben auf der Erde. Jo sagt: “Grundsätzlich erhalten wir alles, was wir zum Überleben brauchen, aus Pflanzen, Felsen und natürlichen Mineralien.

“Pflanzen speichern Sonnenenergie. Mit Hilfe ihrer Blätter wandeln sie
Sonnenschein in chemische Energie um, kombinieren ihn mit Kohlendioxid und Wasser und erschaffen so Zucker. Diesen nutzen sie wie wir als Energielieferant und Baustein für alles, was sie sonst noch brauchen.

“Sie mischen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, also alles, was in der Luft vorkommt, mit Mineralien aus der Erde und kombinieren diese zu komplexen Dingen."

"Wir essen Pflanzen, um deren Energie zu nutzen. Wir bauen aus ihnen unsere Körper. Wir nutzen sie auch als Baustoffe, Brennstoffe und für Medizin. So war es schon immer. Seitdem es Menschen gibt, nutzen sie Pflanzen.”

Doch nicht nur Menschen brauchen Pflanzen. Der gesamte Planet verlässt sich auf sie. Wir kennen den Begriff “Lungen der Erde” für Regenwälder. Doch der Einfluss der Pflanzen geht weit über die Sauerstoffproduktion hinaus.

Die Chemikalien und VOCs, die Regenwälder in die Atmosphäre abgeben, haben direkten Einfluss auf das Klima. Die VOCs erzeugen Zellkerne, auf denen sich Wassertropfen bilden. Daraus entstehen Wolken und, vielleicht, Regen. Das ist im Regenwald wie das Aufdrehen des Wasserhahns. Nur so können Pflanzen und Organismen existieren.

Wissenschaftler untersuchen, wie sie die natürlichen Prozesse imitieren können, um die menschengemachte Klimakrise zu bekämpfen. Wolken reflektieren Sonnenlicht, was die Erde kühlt, und speichern Hitze sowie Treibhausgase, was die Erde erwärmt. Sie sind also äußerst wichtig im Kampf gegen die Klimaschäden.

Jo stellt jedoch klar, dass die Regenwälder das Klima nicht mit Absicht regulieren. Es ist ein glücklicher Zufall, der zu evolutionären Vorteilen führt.

“Flüchtige organische Verbindungen aus Regenwäldern helfen bei der Bildung von Wolken und beim Regen. Regnet es mehr, produzieren die Bäume mehr VOCs. Das passiert nicht mit der Absicht, eine Wolke zu bilden, aber die Wolke entsteht dennoch und hat Folgen für die Evolution.”

Die Klimaregulierung ist nur eine der Aufgaben, die Pflanzen im Ökosystem übernehmen. Jo warnt davor, die natürliche Ordnung zu sehr durcheinanderzubringen: “Wir sind Teil des globalen Ökosystems, bestehend aus Pflanzen, Mikroben, anderen Lebensformen, Luft, Wasser, Erde und Felsen – alles wirkt zusammen in einem großen Kreislauf."

“Seit 200.000 Jahren sind wir auf diesem Planeten und interagieren mit der Umwelt. Inzwischen ist es leider nicht nur Interaktion, sondern Beeinflussung und Zerstörung."

“Keine Aktion ohne Reaktion. Wir kennen nicht alle Folgen unseres Handelns."

"Es geht um den Respekt vor der Natur, sie zu bewundern, wie sie uns am Leben hält, uns ernährt, uns Treibstoff und Rohstoffe liefert, unsere Luft erzeugt, das Klima reguliert und uns all unsere Sinne schenkt. Wir sind Teil des Ökosystems, schaden wir ihm, wird es auch uns schaden.”

Jo’s Appell ist deutlich: Pflanzen sind toll und lebenswichtig. Wir vergessen im Alltag schnell, dass alles, was wir nutzen, essen und trinken, aus der Natur stammt. Auch ätherische Öle. Sie alle haben einen Sinn im Ökosystem und der Mensch hat kein Anrecht auf Monopolstellung.

In einer Welt, in der Aromen und Düfte allgegenwärtig sind, ist es wichtig, sich der Verantwortung gegenüber unseres Planeten bewusst zu sein.

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