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Das habe ich, als eine LGBTQI Person of Colour, über die Makeup-Industrie gelernt



Vielfalt ist zurzeit ein heiß diskutiertes Thema und auch schon längst überfällig. Viele People of Colour, vor allem jene, die nicht super dünn und Teil der LGBTQI Community sind, mussten das Unbehagen vom Anderssein viel zu lange ertragen. Sowohl aus meinem privaten Umfeld als auch aus meinem Job als Make-up Artist kenne ich unzählige Beauty Geschichten. Eines haben sie gemeinsam: viel zu viele von uns haben sich schon einmal zu hässlich, zu behaart, zu fett, zu dunkel, zu maskulin oder zu feminin gefühlt.

Als ich jung war galt Androgynie in der Modeindustrie als Schönheitsdeal, was ich aber nie als etwas Positives in Bezug auf meinen Körper gesehen habe. Ich habe Hänseleien darüber, dass ich zu männlich sei, nicht als Kompliment deuten können; Ich dachte nur, ich sei hässlich. Viele von uns wachsen mit der Vorstellung auf, dass jene Weiblichkeit, die von weißen Menschen vorgeschrieben wird, die einzig akzeptable Form von Schönheit ist, der wir uns anpassen müssen.

Ich wurde in einer Welt groß, in der frühes Aufstehen, damit man sich vor der Schule noch alle Haare aus dem Gesicht zupfen konnte, an der Tagesordnung stand. Bis vor kurzem waren sogar buschige Augenbrauen inakzeptabel. Und die „brow goals“, die von den Medien gepriesen wurden, orientierten sich ausschließlich an weißen Gesichtern, obwohl dicke Augenbrauen bei Südasiatinnen weit verbreitet sind.

Es gibt unzählige ähnliche Beispiele. Der Kardashian/Jenner Familie ist es zu verdanken, dass kurvige Figuren, für die Frauen dunkler Hautfarbe lange Zeit verspottet wurden, an Akzeptanz und sogar Popularität gewonnen haben. Es ist aber auch unschwer zu erkennen, dass die Gesellschaft Themen von Randgruppen aufgreift, sie simplifiziert und dann der breiten Öffentlichkeit als Trend präsentiert. Wenn du breite Hüften hast, muss dein Bauch flach sein. Wenn du dicke Augenbrauen hast, darfst du keine haarige Oberlippe haben. Selbst im Jahr 2018 ist das Aussehen noch ein ständiger Balanceakt.

Wenn du durch meinen Instagram-Account scrollst, wirst du Bilder von meiner Arbeit und von mir selbst sehen, die einen radikaleren Zugang zum Thema Schönheit haben. Ich spiele mit Geschlechterrollen und Idealvorstellungen und kann mich glücklich schätzen, dabei mit Pionieren zu arbeiten, die es sich zur Aufgabe gesetzt haben, mit Definitionen von Schönheit zu brechen und neue Wege zu gehen. Das Posten dieser Bilder kostete sowohl mich als auch meine Kunden einiges an Überwindung.

Ein Look, den ich für einen Kunden kreiere und online stelle, mag viele Likes bekommen, doch auf der Straße wird er Reaktionen wie Lachen, Starren und Schikane hervorrufen. Zwar kann ich in meiner Arbeit frische und mutige Looks kreieren, verbringe jedoch die meiste Zeit damit, Akne und Stoppeln abzudecken und Gesichtsmerkmale zu kaschieren, um Unsicherheiten und öffentlichen Belästigungen vorzubeugen. Die meisten meiner Bilder zeigen eine Fantasiewelt, in der du mit deiner Geschlechterrolle experimentieren, stolz auf deine Haut(farbe) sein und deine Meinung kundtun kannst. Die Realität sieht aber anders aus.

Die wachsende Freiheitsbewegung zieht leider immer öfter gewalttätige Reaktionen gegen People of Colour, Transmenschen, Menschen mit Beeinträchtigung und Queer Menschen mit sich. Kunst und Bilder versuchen, Individualität in einer Welt zu leben, in der Andersartigkeit als Bedrohung wahrgenommen wird. Während Models und Künstler, wie Aaron Philip und tinah_spaaahkle, Travis Alabanza, Alok Vaid Menon zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnen, werden sie dadurch auch angreifbarer.

Follower auf Instagram zu haben heißt zwar, mehr gesehen zu werden, doch es kann auch zur Folge haben, dass dir Unbekannte Nachrichten schreiben, Kommentare hinterlassen oder sogar deinen Standort herausfinden.

Die Gesellschaft, in der wir leben, versucht uns ständig mit Bildern und Geschichten Produkte zu verkaufen, die wir uns gar nicht leisten können. Regierungen schieben uns ab, streichen unsere medizinische Vorsorge und kürzen Beihilfen. Das öffentliche Bewusstsein wird maßgeblich durch unsere wachsende Medienpräsenz beeinflusst. Einerseits dürfen wir das Rampenlicht genießen und werden auf Social Media gefeiert, und anderseits fehlt es uns an den notwendigen materiellen Voraussetzungen zur Sicherung unserer Existenz. Obwohl es viele Transmenschen in öffentlichen Ämtern gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass diese Menschen besseren Zugang zu medizinischen Leistungen haben. Selbst wenn du das Gesicht einer Marke bist, kann es sein, dass du ums tägliche Überleben kämpfen musst. Mediale Aufmerksamkeit entspricht nicht gleich einem geregelten Einkommen.

Wenn es um Kreativität geht, dürfen People of Colour und die LGBTQI Community gerne als Inspiration vieler Trends und Ideen herhalten, die von Marken aufgegriffen werden. Diese bereichern sich an unserem geistigen Eigentum und erzielen damit unglaubliche Profite. Von Madonnas „Vogueing“ bis hin zu Gwen Stefanis Bindis – selten sind wir das Gesicht unserer eigenen Kunst oder Geschichte. Doch die Zeiten ändern sich. Mit dem Übergang des Ausdrucks der „kulturellen Aneignung“ in den allgemeinen Sprachgebrauch sowie mit der wachsenden Vielfalt an Makeup-Farbtönen verschaffen wir uns langsam aber sicher Gehör. Wir beginnen einen kleinen Teil des Kuchens, den wir selbst gebacken haben, für uns zu beanspruchen.

In der Schönheitsindustrie und im Marketing besteht dringender Bedarf mit veralteten, stereotypischen Vorstellungen über unser Äußeres aufzuräumen. Wir wollen mitbestimmen, wer ein Vorbild sein soll und wer seine Ideen umsetzen darf. Es ist an der Zeit, unser Denken und unsere Vorgehensweisen neu zu definieren.

Wir wollen nicht nur die Gesichter für Werbekampagnen sein, sondern als die kreativen Köpfe gesehen werden, die dahinterstecken. Wir wollen nicht nur genug Auswahl bei Foundation-Farben haben, wir wollen auch, dass Makeup-Künstler und Models of Colour genauso viel Publicity und Jobs bekommen wie ihre weißen Kolleg*innen. Um ein Werbesujet für den Digital- oder Printbereich zu produzieren braucht man ein riesiges Team, viele Tage am Set, Monate der Vorbereitung und Nachbearbeitung. Es fühlt sich nicht gut an, die einzige Person of Colour oder Transperson am Set zu sein. Das finale Bild mag „Vielfalt“ schreien während es hinter den Kulissen so gar nicht danach aussieht. Jetzt sind wir dran, den Ton anzugeben und gehört zu werden.

Umber Ghauri ist Makeup und Visual Artist mit einer Leidenschaft für die expressive Inszenierung von Randgruppen. Umbers Reise begann mit einem Abschluss am Courtauld Institute of Art, gefolgt von einem Makeup-Trainingskurs. Durch die Beschäftigung mit historischen und aktuellen Repräsentationen in Kunst und Medien wurde Umber schnell klar, dass die Rolle als Makeup Artist eine Verantwortung für LGBTQ Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen und People of Colour mit sich bringt, die in diesem Berufsfeld kaum gelebt wird. Umber wünscht sich, dass wir unsere Schönheit in einem wertfreien Umfeld ausleben können, in dem allein wir entscheiden, was uns gefällt.

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