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Die Wissenschaft guter Laune: Prof. Neil Martin über die Psychologie der Gerüche

Die zahlreichen positiven Effekte ätherischer Öle auf den Körper sind hinlänglich bekannt und sogar bewiesen. Sie wurden und werden eingesetzt, um Krankheiten zu behandeln, Schmerz zu lindern und um die Laune zu verändern. Wenn es darum geht, die Effekte auf unsere Psychologie zu erforschen, gestaltet es sich leider ein wenig schwieriger.

Neil Martin, Leiter des Psychologie-Institutes der Regent’s University in London und Autor von The Neuropsychology of Smell and Taste, erklärt, dass wir nur vermuten können, wie ätherische Öle unser Verhalten und unsere Stimmung beeinflussen. Obwohl es bereits Tests am Gehirn und an ätherischen Ölen diesbezüglich gab.

Einer der Wege, ätherische Öle einzusetzen, ist die Aromatherapie, die ihnen eine Vielzahl von Effekten einräumt – sogar auf unsere generelle Einstellung gegenüber dem Leben.

Die Frage ist: stimmt das? Neil erklärt: “Es gibt viel Verwirrung. Aromatherapie beinhaltet Massagen und Musik, das ist im Grunde keine ‘Aroma’-Therapie. Es handelt sich um Duftstoffe in Kombination mit anderen Dingen, welche letztendlich den entscheidenden Effekt haben könnten.”

Um ätherische Öle objektiv testen zu können, müsste man jedes einzelne Aroma isoliert erforschen, so Neil.

Konkret testete er Zitronenöl dahingehend, wie es unsere Schmerzempfindlichkeit verringern kann. Er fand heraus, dass Zitronenöl die Wahrnehmung von Schmerz sogar erhöht – das genaue Gegenteil von dem, was Aromatherapeuten behaupten. Dies beweist natürlich nicht, dass das für alle ätherischen Öle gilt, sondern nur, dass Zitronenöl alleine kein Schmerzmittel ist. Vielleicht spielen weitere Dinge in unserem Körper eine Rolle, wenn wir ein ätherisches Öl riechen oder schmecken. Unser Gehirn und unsere Psychologie haben vielfältige Reaktionen auf Gerüche.

 

DIE PSYCHOLOGIE DER GERÜCHE

Der Geruchssinn ist stärker mit unseren Emotionen und Erinnerungen verknüpft als alle anderen Sinne. Schon die flüchtigste Wahrnehmung eines Duftes schickt dich an einen anderen Ort, eine andere Zeit oder versetzt dich in eine andere Stimmung. Aber warum ist das so?

Ein Ansatz ist Konditionierung. Sie könnte bewirken, dass wir zum Beispiel Lavendel als beruhigend empfinden. Das klingt seltsam und bedeutet, dass wir geprägt wurden, Lavendel mit Entspannung zu verbinden, weil unsere Eltern uns zum Einschlafen beispielsweise immer Lavendel aufs Kissen träufelten. Und das, obwohl Lavendel vielleicht gar keine entspannenden Effekte hat.

Es gibt genügend Beweise, dass wir durch kulturelle oder persönliche Prägung konditioniert werden und auch ätherische Öle bestimmte Effekte auf uns haben, ohne dass es dafür wissenschaftliche Beweise gäbe.

Neil erläutert: “Präsentiert man unterschiedlichen Menschen den gleichen Geruch und nennt ihn wahlweise ‘Käse’ oder ‘Körpergeruch’, unterscheiden sich die Reaktionen massiv. Das Gehirn reagiert anders. Als würde die Benennung von etwas dazu führen, dass unser Gehirn diesen Geruch völlig anders verarbeitet."

“Noch interessanter ist, dass das Gehirn passend zu der Benennung reagiert. Halten wir einen Geruch für ekelhaft, wird der Teil des Gehirns aktiv, der für Ekel zuständig ist. Die Reaktion auf den gleichen Geruch kann bei einer anderen Person ganz anders aussehen.”

Ein Beispiel ist der Duft von Methyl Salicylat, auch als Wintergrün bekannt. In England verwendete man es in den 1960er Jahren in Medikamenten, in den USA hingegen in Pfefferminzbonbons. Bittet man Engländer nun zu bewerten, wie angenehm der Geruch ist, geben sie ihm eine geringere Punktzahl als US-Amerikaner. Das zeigt die starken Effekte kulturellen Lernens auf die individuelle Wahrnehmung von Gerüchen.

Unsere erste Reaktion auf einen Geruch ist immer eine Emotion. Neil erklärt, dies könne daran liegen, dass olfaktorische Informationen nicht die gleichen Sensoren auf dem Weg ins Gehirn durchlaufen wie die anderen Sinne. Der Geruchssinn wird so zu einem emotionaleren Sinn.

Außerdem stellt er fest, dass unser Vokabular zur Beschreibung von Gerüchen sehr beschränkt ist: “Mögen und ablehnen sind die ersten Reaktionen auf einen Geruch. Ganz anders, als bei anderen Sinnen. Schauen wir etwas an, verstehen wir sofort: das ist eine Tür, das ist ein Stuhl. Der erste Eindruck hat nichts damit zu tun, ob wir das mögen oder nicht."

“Nur beim Geruch ist es so. Uns fehlen die Worte, weil die Reaktionen chemischer Natur sind. Wir denken nicht ‘Ich liebe den Geruch von Hexanol am Nachmittag’, wir sagen ‘Ich liebe den Geruch frisch gemähten Rasens’. Weil uns die Worte fehlen, sind unsere Reaktionen sehr emotional.”

Berücksichtigt man all das, wird klar, warum es so schwer ist zu erklären, wie ätherische Öle unsere Laune beeinflussen. Ist es psychologisch, physiologisch, ein Placebo, eine Kombination aus all dem? Bis das herausgefunden wird, sollten wir einfach genießen. Erfahrung ist auch eine Art der Wissenschaft, Jahrhunderte sicherer und erfolgreicher Anwendung sind Grund genug, an die Kraft ätherischer Öle zu glauben, auch wenn die Faktenlage unklar bleibt.

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