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Einsamkeit: die stille Krise

Mit anderen Menschen in Kontakt zu treten war noch nie so einfach wie heute – sich einsam zu fühlen aber auch – davon ist unser Wellbeing-Kolumnist Mahesh Hayward überzeugt. Tatsächlich sind heutzutage so viele Menschen von Einsamkeit betroffen, dass Ärzte befürchten, es könnte ebenso gravierende Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben wie Fettleibigkeit und Rauchen … 

Bist du online? Klar, davon kann man ausgehen, denn du liest diesen Artikel gerade von einem Bildschirm ab. Das Internet ist fixer Bestandteil unseres Alltags, je nach Alter verbringen wir im Schnitt vier bis sieben Stunden online.

Also, wenn du und ich gerade kommunizieren und du mich in deinem Kopf reden hörst, während du das hier liest, wie kommt’s, dass du deine eigene Stimme hörst und nicht meine?

Die Landfläche der Erde beträgt 149,4 Million km², also ausreichend Platz für 7,125 Milliarden Menschen, um sich gleichmäßig darauf zu verteilen. Interessanterweise bevorzugen wir es aber, dicht an dicht zu wohnen, sei es der Sicherheit oder der Gesellschaft wegen.

Eine neue Studie hat mit Luftaufnahmen der NASA gezeigt, dass die Hälfte der Bevölkerung in Stadtgebieten lebt. Das entspricht nur 1% des verfügbaren Landes (Quelle: mail online science). Da wir es anscheinend lieben, so nah beisammen zu wohnen – so nahe, dass ich meine Nachbarn hören kann, wie sie in der Früh die Toilette benutzen – warum fühlen sich dann so viele von uns so einsam?

Ich glaube, der Grund, warum wir nicht in der Lage sind, echte Gespräche miteinander zu führen, ist der kleine Bildschirm zwischen uns. Ja, dieses kleine Ding, mit dem du jederzeit Informationen abrufen kannst, könnte der Grund sein, warum du dich in einer Welt voll Kommunikation so alleine fühlst.

Es gibt (laut GSMA; der Verband für Mobilfunkbetreiber) 5 Milliarden Handynutzer auf unserem Planeten. Von der Onlineplattform Hootsuite wissen wir, dass es im Jahr 2017 3,77 Milliarden Internetnutzer gab.

Also, wenn ich meinen Bruder in Neuseeland über Skype anrufe oder dem Bild meines Schwagers in Dubai ein “Gefällt mir” gebe, warum fühle ich mich trotzdem so einsam?

Laut einem Report von The Charities bist du mit dem Gefühl von Einsamkeit nicht alleine, denn die Qualität sozialer Kontakte baut stetig ab: eine von acht Personen in Großbritannien hat keine engen Freunde, an die sie sich wenden kann und 45% der Erwachsenen haben sich in ihrem Leben schon einmal einsam gefühlt, 18% davon sogar schon mehrmals oder ständig.

Seien wir ehrlich zu uns selbst

Ich verbringe viel Zeit mit Menschen. Während ich meinen Kunden einen Haarschnitt verpasse, habe ich keine andere Wahl als zuzuhören, und das tue ich auch! Ich versuche wirklich darauf zu achten, wie sie sich fühlen, wie sie sich ausdrücken, wenn sie von ihren quengelnden Kindern und den langen To-Do Listen erzählen. In diesen Momenten kann ich meinen Kunden wirklich zuhören, sie verstehen und im richtigen Moment mit einem “Ich weiß, was du meinst, das ist hart” beschwichtigen.

Warum kann ich das? Ganz einfach: ich habe kein Gerät in der Hand oder einen Laptop vor mir, zwischen uns ist kein Bildschirm. Wir unterhalten uns und teilen Zeit und Raum miteinander: so fühlt sich echte Kommunikation an.

Ich musste mich erst gar nicht durch hunderte Urlaubsfotos klicken, weil mein Kunde die schönsten Erlebnisse einfach beschrieben hat. Ich musste durch kein „Gefällt mir“ klicken, mein Lächeln hat alles ausgesagt. Mein Kunde hat den Shop dann mit einem guten Gefühl verlassen und ich bin um einen Tipp reicher, wohin es mich in der Pension verschlagen wird.

Seien wir doch mal ehrlich. Wann hast du das letzte Mal ohne dein Handy verbracht? Während du geschlafen hast? Wenn ja, zählt das nicht. Was ist so schlimm daran, die elektronischen Geräte mal ausschalten, und warum haben wir 1.200 Freunde auf Facebook, die wir seit drei Jahren nicht mehr gesehen haben und von denen wir 20% nicht einmal kennen?

Allein sein bedeutet nicht, dass du einsam bist, und einsam zu sein bedeutet auch nicht, dass du alleine bist. Diese zwei Wörter klingen im ersten Moment gleich, aber sie könnten nicht unterschiedlicher sein. Ich kann mitten am Bahnhof von London Waterloo sitzen und mich einsam fühlen, bin dort aber definitiv nicht allein.

Ich kann hier alleine sitzen und diesen Artikel schreiben, mich aber dennoch nicht einsam fühlen. Ich glaube, dass man sich selbst mögen muss, um nicht einsam zu sein. Sich selbst zu mögen ist die Voraussetzung, dass auch andere einen liebenswert finden. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit, Freunde zu finden. Also, wie werden wir mit uns selbst glücklich und was müssen wir tun, um richtig mit einander zu kommunizieren?

 

  1. Versuche jeden Tag für ein paar Minuten allein zu sein, ohne dich von TV, Radio, Telefon, Laptop, etc. ablenken zu lassen. Genieße einfach deine Umgebung. Geh vielleicht in einen Shop, gehe im Park spazieren und beginne ein Gespräch mit einem Fremden.

 

  1. Benutze öffentliche Verkehrsmittel ohne auf deinen Handybildschirm zu schauen. Lächle Menschen um dich herum an. Wer weiß ... vielleicht triffst du ein bekanntes Gesicht.

 

  1. Bestimme einen Zeitpunkt, ab dem du alle elektronischen Geräte abschaltest. Sogar das große im Wohnzimmer. Unterhalte dich mit deinem Mitbewohner, deiner Mutter, deinem Bruder, deinem Partner oder deiner Katze. Oder du könntest es auch mit zeichnen oder stricken probieren.

 

  1. Schreibe einen Brief an ein Familienmitglied, das du schon lange nicht mehr gesehen hast; achte dabei auf das Gefühl, wenn die Füllfeder über das Papier gleitet.

 

  1. Gehörst du zu den Glücklichen, die ihr Leben mit einer besonderen Person teilen? Dann sag ihr, wie wichtig sie dir ist. Sag ihr, dass du sie liebst und schau ihr dabei in die Augen.

 

Könnten wir die Onlinekontakte zu realen Kontakten machen, würde uns das glücklicher machen. Menschen brauchen ständig Gesellschaft. Also, lade jemanden zu dir ein ... frage deinen Nachbaren, ob er auf einen Kaffee vorbeischauen möchte. Sei die Person, die seinen Kollegen zuhört, wenn sie Hilfe brauchen.

Keiner von uns braucht sich in dieser Welt einsam zu fühlen. Es ist in Ordnung, alleine zu sein; in Wirklichkeit tut es uns gut hin und wieder Zeit für sich zu haben. In einer Welt, in der Milliarden von Menschen leben, gibt es für jeden von uns eine Bezugsperson; wir müssen nur einmal von unserem Bildschirm aufschauen.

Also, lasst uns füreinander da sein. Nimm aktiv an deinem Leben teil, anstatt es dir von Instagram und Facebook vorleben zu lassen.

Lächle, während du mit hoch erhobenem Kopf durch die Straßen gehst und schenke auch einmal einem Fremden ein Lächeln.

Mahesh Hayward ist unser neuer Lush Life Kolumnist. In seiner wöchentlichen Kolumne wird er Fragen des modernen Lebens und des Wohlergehens untersuchen.

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