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Frauenpower durch Aloe

Massai-Frauen trotzen ihren widrigen Lebensumständen, indem sie Aloe anbauen und mit überholten Traditionen brechen. Um herauszufinden, wie das ihr Leben verändert hat, ist Lush-Times-Reporterin Katie Dancey-Downs nach Kenia gereist.

In Twala im Laikipia County bereiten sich 32 Massai-Mädchen auf eine Zeremonie vor. Alle Mitglieder der Gemeinschaft sind versammelt. Die Männer trinken das Muratina-Gebräu aus Aloewurzeln und Honig. Die Mädchen tragen die traditionellen schwarzen Roben für den „Schnitt“, wie die Verstümmelung weiblicher Genitalien hier im Volksmund genannt wird. Die female genital mutilation, kurz FGM, ist in Kenia zwar verboten, wird aber nach wie vor praktiziert.

Die Mädchen aus Twala und der Umgebung stellen sich vor die Menge und stimmen in Maa, der traditionellen Massai-Sprache, ein Lied an. Das Lied selbst ist aber alles andere als traditionell:

„Gebt mir einen Stift und ein Buch, damit ich mich bilden kann“, singen sie. „Ich brauche keine Rasierklinge! Ich brauche keinen Schnitt!“

Mit lauter Stimme rufen sie: „Wir sagen Nein zum Schnitt!“

Für die Mädchen von Twala endet das Beschneidungsritual hier. Das war aber lange anders.

Gleichstellung der Mädchen

Rosemary Nenini ist die Koordinatorin der Twala Women’s Group und die treibende Kraft hinter dem Wandel in der Gemeinschaft. Sie setzt sich mit Leib und Seele für die Bewahrung von Massai-Kulturgütern wie der Perlenarbeit, der Heilpflanzenkunde und des Gemeinschaftslebens ein – und kämpft ebenso energisch gegen überholte Traditionen wie FGM, Frühehen und fehlende Schulbildung für Mädchen.

„Ich bin selbst Opfer all dieser Dinge, habe FGM am eigenen Leib erfahren. Dabei hatte ich noch Glück: Ich habe einen guten Mann geheiratet.“ Der hat ihr erlaubt, sich fortzubilden. Das hat sie genutzt, um positive Veränderungen zu bewirken.

Früher wurden die 16- bis 18-jährigen Mädchen beschnitten; mittlerweile geschieht das im Alter von 10 bis 13 Jahren, sagt Rosemary. Die Mädchen bleiben traumatisiert; Rosemary selbst greift bis heute keine Rasierklinge an.

Sie ist überzeugt, dass die Armut an der Beschneidung in jungem Alter schuld sei. Ältere Stammesmitglieder hätten zu ihr gesagt, dass kein Mann ein unbeschnittenes Mädchen heiraten würde. Angesichts der drängenden Armut werden die Mädchen heute früher verheiratet und daher früher beschnitten.

„Die Massai waren nicht immer arm. Die Armut ist ein neues Phänomen. Wer es zu Wohlstand bringen will, tauscht seine Tochter gegen Ziegen, Schafe und Kühe ein“, erklärt Rosemary.

Rosemary war die Gleichstellung von Mädchen und Buben schon lange ein großes Anliegen. Sie krempelte die Ärmel hoch und schloss sich einer Frauengruppe an, die zusammen mit fünf weiteren Gruppen die Twala Cultural Manyatta Women gründete. Zunächst errichteten die Frauen Häuser und fertigten traditionelle Massai-Perlenarbeiten an.

Rosemary versuchte, die Frauen dazu zu bewegen, die Mädchenbeschneidung zu verweigern, aber die Älteren unter ihnen lehnten das schlichtweg ab, meinten, dass Mädchen durch das Ritual zu erwachsenen Frauen würden.

Also schlug Rosemary einen Kompromiss vor: „Gut, dann sagen wir wenigstens Nein zu Mädchenbeschneidungen vor dem Schulabschluss!“

Damit konnten alle leben, und also verabschiedeten die Frauen von Twala im Jahr 2008 ein entsprechendes Gesetz.

Aber Rosemary hatte einen Hintergedanken – und ihr Plan ging auf: Die Mädchen besuchten die Schule, wurden weder beschnitten noch verheiratet. Sie kamen mit anderen Menschen in Kontakt, bildeten sich, reiften zu jungen Persönlichkeiten heran – und sagten nach dem Schulabschluss von sich aus Nein zur Beschneidung!

In vielen anderen Stammesgruppen in der Region ist weibliche Genitalverstümmelung aber nach wie vor gängige Praxis. Und wo sie nicht mehr praktiziert wird, will das niemand offen zugeben, um bloß keine Konflikte anzuheizen, vermutet Rosemary.

Es war nicht leicht für sie, die Dinge in Twala zu verändern. Besonders die Männer waren schwer zu überzeugen. Sie sei sogar mit dem Leben bedroht worden, erzählt Rosemary, ohne jedoch ins Detail zu gehen; die Erinnerung daran ist auch fast zehn Jahre später noch schmerzhaft.

Als sie mir erzählt, wie die ersten Mädchen den „Schnitt“ bei der Zeremonie verweigerten, bin ich sprachlos. Ich hätte mit einer mutigen jungen Frau gerechnet; tatsächlich aber waren es 32!

Als wir in Twala mit traditionellen Tänzen begrüßt wurden, war ich fassungslos, wie laut Frauen sein können, wenn sie im Kanon singen. Überhaupt zeigt diese Geschichte, wie stark Gemeinschaften sind, wenn sie geschlossen die Stimme gegen Ungerechtigkeiten erheben.

Wandel säen mit Aloe

Aber nicht nur die Stimmen der Frauen von Twala sind lauter geworden; auch ihre finanzielle Situation hat sich verbessert – dank Aloe.

Im Laikipia County lastet viel Arbeit auf den Schultern der Massai-Frauen. Sie holen Wasser, kochen, versorgen die Tiere und ziehen die Kinder groß. All dies schaffen sie in der Regel ohne eigene Geldmittel. Die Massai sind traditionellerweise Viehhirten. Da jedoch die Böden aufgrund von Überweidung degradiert sind, mussten sie sich anpassen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch der Anbau von Kulturpflanzen erweist sich in dieser kargen, dürregefährdeten Landschaft als schwierig.

Da hatten die Frauen von Twala eine Idee: Sie würden die heimische Pflanze Aloe secundiflora anbauen und an die Männer verkaufen, die daraus das Muratina-Gebräu herstellen. Aloe ist sehr gut an die harschen Bedingungen der Region angepasst und tief in der Massai-Kultur verwurzelt. Neben Muratina findet sie auch Verwendung als Heilpflanze für Mensch und Nutztier.

„Wenn sich eine Frau einer Gruppe anschließt und neben dem Einkommen ihres Mannes etwas Geld verdient, dann muss die Familie nicht mehr wegen Armut ihre Tochter verkaufen.“ So habe Aloe auch viel zur Gleichstellung der Geschlechter beigetragen, erklärt Rosemary.

Die Massai-Frauen wandten sich an die Männer und baten um Land. Die waren anfangs wenig begeistert von der Idee, stimmten aber schließlich zu und gaben den Frauen 10 Hektar Land für verschiedene Projekte, vor allem für den Anbau von Aloe nach dem Prinzip der Permakultur.

Bald darauf bekamen die Frauen Besuch vom Massai Joseph Lentunyoi, der das nahegelegene Laikipia Permaculture Centre gegründet hatte. Er machte sie mit den natürlichen Anbaumethoden der Permakultur vertraut, mit denen sich degradierte Ökosysteme wiederherstellen lassen. Die Ideen kamen von den Frauen; das technische Wissen brachte Joseph ein, der sie alles über Permakultur lehrte und ihnen zeigte, in welchen Abständen Aloe gepflanzt wird.

Bald darauf kam Joseph wieder – diesmal mit einem Vertreter von Lush im Schlepptau. Das war der Beginn einer florierenden Geschäftsbeziehung, denn seither verkaufen die Frauen von Twala (und drei Nachbargemeinschaften) Aloe an Lush und an andere Massai-Frauen, die daraus Seife herstellen.

„Permakultur ist eine uralte Lebensform, die vermutlich durch den Einfluss der westlichen Weltanschauung und Religion in Vergessenheit geraten ist“, sagt Joseph.

„Als wir begannen, die Frauen in Permakultur zu schulen, sagten sie: ‚Hey, das haben wir doch früher schon so gemacht! Warum haben wir eigentlich damit aufgehört? Machen wir es wieder so!‘“

Der Erfolg gibt ihnen recht: Mittlerweile kommen Männer und bitten sie, ihre Frauen in die Gruppe aufzunehmen.

Symbiose aus Permakultur und altem Massai-Wissen

Die Veränderungen in Twala zeugen von einer Kultur im Wandel. Die Frauen haben einzelne Elemente der Massai-Kultur abgelehnt und gleichzeitig Traditionen wie die Perlenarbeit, den Gesang und die Gemeinschaftlichkeit gestärkt. Wo überholte Traditionen verworfen wurden, sind neue entstanden.

„Traditionelle Anbaumethoden kommen ohne Chemikalien aus, also verzichtet auch die Permakultur auf Chemie“, erklärt die Massai-Frau Priscilla, die 2014 wegen ihres großen Permakultur-Wissens von der Frauengruppe in Twala angeheuert wurde.

Priscilla hatte als eine von wenigen woanders zur Schule gehen dürfen. Treibende Kraft dahinter war eine Tante, die selbst in Russland zur Ärztin ausgebildet worden war. Priscilla wusste von Anfang an, dass sie eines Tages heimkehren würde, um Positives zu bewirken.

Als sie nach Twala zurückkam, war das Land großteils abgeholzt. Heute stehen die Bäume unter Schutz und die Vögel sind wieder da, es wird kompostiert und es gibt Bienenstöcke, Kräuter und Drainagesysteme, die das Wachstum der Vegetation begünstigen.

Als große Herausforderung erwiesen sich die Wildtiere. Einmal fraß sich ein Stachelschwein an Aloe satt; ein anderes Mal marschierte eine Elefantenherde durch die Plantage und zertrampelte über 100 Aloe-Pflanzen.

Aber dank des alten Massai-Wissens und der Erfahrungen im Umgang mit der Natur wurden Lösungen gefunden. Mittlerweile hindert ein Maschendrahtzaun das Stachelschwein daran, sich den Bauch auf der Plantage vollzuschlagen, und schwingende Bienenstöcke dienen als Zaun gegen Elefanten – und liefern zudem Honig.

Dank ihrer Arbeit in Twala kann Priscilla die schulische Ausbildung ihres jüngeren Bruders finanzieren und jemanden dafür bezahlen, dass er das Vieh ihrer Eltern versorgt, wenn der Bruder nicht da ist.

Neue Ideen wachsen und gedeihen

Die Frauengruppe von Twala ist nicht die einzige, die vom Aloe-Anbau profitiert. Mittlerweile werden drei weitere Gruppen in der Region vom Laikipia Permaculture Centre unterstützt und beliefern Lush. Jüngst ist die Frauengruppe Osuguroi (wie Aloe in Maa heißt) dazugekommen; sie baut seit einem Jahr Aloe an.

Wir sitzen auf einem Grashügel und Priscilla übersetzt mir die Erzählungen der Frauen, wie Aloe ihr Einkommen und ihren Lebensstandard gesteigert hat. Sie können jetzt sogar ihre Kinder zur Schule schicken.

Natürlich steht die Osuguroi-Gruppe noch ganz am Anfang und vor großen Herausforderungen. Zum Beispiel ziehen einmal im Jahr die Elefanten durchs Land und verwüsten die Aloe-Pflanzen; oder es lassen Leute ihr Vieh auf der Plantage weiden. Aber auch die Osuguroi-Frauen werden die Probleme im Einklang mit der Natur lösen. Je besser sie verdienen, desto besser können sie die Farm bewirtschaften. Sie haben schon jetzt alles Recht, stolz zu sein: Schließlich haben sie das Land vor der Rodung bewahrt und die Farm erhalten.

Vor meiner Reise nach Laikipia wäre mir kein direkter Zusammenhang zwischen dem Anbau von Aloe und der Abschaffung der Mädchenbeschneidung in den Sinn gekommen. Genau genommen sind die Veränderungen auch nicht der Aloe-Pflanze, sondern unnachgiebigen Menschen wie Rosemary zu verdanken. Rosemary würde sich wünschen, dass mehr Gemeinschaften neue Wege gehen. Eines ist sicher: Sie wird nicht lockerlassen, bis es so weit ist.

Im neuen Source-to-Skin-Film reist Lush-Reporterin Kelly nach Kenia, wo sie erfährt, wie Aloe in den Charity Pot kommt.

Fotos (oben beginnend): Priscilla Senteina in Laikipia, Kenia; Anbau von Aloe secundiflora in Laikipia; Priscilla schneidet Aloe in Laikipia.

Priscilla cutting aloe
Aloe secundiflora

Diese Geschichte zeigt, wie stark Gemeinschaften sind, wenn sie geschlossen gegen Ungerechtigkeiten die Stimme erheben.

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