FEATURED

Geruch mit Sinn: was sind Pheromone?

Riechst du das?

Eher nicht. Es ist überraschend, wie schnell wir uns an Gerüche gewöhnen. Betrittst du einen Raum das erste Mal, nimmst du seinen Geruch noch war, aber nach ein paar Minuten – oder nur Sekunden – hat sich deine Nase gewöhnt.

Für lange Zeit hatte unser Geruchsinn einen schlechten Ruf. Über Jahrhunderte zeichneten Wissenschaftler und Philosophen ein negatives Bild rund um alles Olfaktorische – obwohl das so ein tolles Wort für Geruchsfragen ist. Darwin war sogar der Meinung, der Geruchsinn sei der unwichtigste. Dabei spielt der Geruch einen wichtigen Part in unserem Alltag, selbst wenn wir nicht darüber nachdenken. Er ist in der Lage, unsere Emotionen auf eine Weise zu beeinflussen, wie es für Sehen, Tasten, Schmecken und Hören niemals möglich ist.

Aber was macht den Geruchsinn so bedeutend? Geruch ist der am wenigsten verstandene Sinn, er verwirrte die Wissenschaft für Jahre. Es gibt hunderte von Theorien und Ideen, aber wo liegt die Wahrheit? Es ist Zeit, dem emotionalsten aller Sinne endlich einen Sinn zu geben.

 

Was sind Pheromone?

Die emotionale Kraft, die der Geruchsinn innehält, ist beeindruckend. Ein kleiner Hauch eines bestimmten Aromas transportiert dich an einen bestimmten Ort oder zu einer bestimmten Zeit deines Lebens – und das binnen Sekunden. Der Schluss, dass in deinem Kopf mehr vorgehen muss, als die bloße Geruchsverarbeitung, ist also naheliegend. Einige Tiere kommunizieren mit Hilfe von chemischen Bestandteilen namens Pheromonen. Haben sie vielleicht auch etwas damit zu tun, warum wir Menschen so vernarrt in Gerüche sind?

Stell dir vor du müsstest nur deine Achsel erheben, um die Aufmerksamkeit deiner geliebten Person zu erlangen. Oder du könntest durch den ganzen Raum mit Hilfe deines Atems ein Geruchs-Match für die perfekte Liebe finden. Das würde die Dinge einfacher machen, oder? Aus diesem Grund sind Pheromone viel diskutiert. In diesen Diskussionen werden sie leider dauernd mit gewöhnungsbedürftigen Parfüms und Events durcheinander geworfen, die dafür werben, den Einen oder die Eine zu finden. Auch wenn es phantastisch klingen mag, die Kommunikation mit Geruch ist für die meisten Säugetiere ganz gewöhnlich. Da auch wir Säugetiere sind, sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob das vielleicht auch für uns gilt.

Pheromone sind chemische Bestandteile, die es vielen Tieren erlauben, sich für potenzielle Geschlechtspartner bemerkbar zu machen, durch dichte Urwälder zu navigieren, oder ihr Territorium zu markieren. Sie sind ein Mittel der chemischen Kommunikation und werden von zahlreichen Lebewesen eingesetzt – von Algen bis zu Elefanten – um lebenswichtige Informationen über ihre Umgebung zu erhalten.

Kaum eine Spezies setzt Pheromone so faszinierend ein, wie Bienen oder Wespen. Sie nutzen sie, um sich selbst zu schützen, ihre Stöcke und Nester zu bauen und ihre Vermehrung zu organisieren. Wespen nutzen ein bestimmtes Pheromon als Alarmsignal, um anderen Wespen mitzuteilen, wenn sie verletzt oder einer Bedrohung ausgesetzt sind. Sie nutzen Pheromone quasi so, wie wir inzwischen soziale Medien nutzen, um uns an einem Ort zu versammeln.

 

Der Biologe und Zoologe Michael Stoddart hat Jahrzehnte damit verbracht, zu untersuchen, wie Tiere mit Hilfe von Gerüchen interagieren. Er erklärt: „Ein Pheromon hat immer den gleichen Effekt auf das Zielindividuum. Es funktioniert also genau wie ein Hormon, das auch immer spezifisch und gleich wirkt, egal ob man männlich oder weiblich, alt oder jung, groß oder klein etc. ist. Adrenalin etwa wird dein Herz immer zum Rasen bringen.“

Dies gilt aber nicht für Menschen, wenn sie Pheromone riechen. Obwohl Düfte unser Verhalten und unser Handeln beeinflussen können, folgt dies keinem Muster. Im Gegensatz zu Tieren reagieren wir nicht mit chemischen Vorgängen auf Gerüche. Riecht eine Gruppe Menschen beispielsweise den Duft einer Rose, gibt es unzählige mögliche physiologische und psychologische Reaktionen darauf. Menschen sind nicht darauf programmiert, einheitlich auf Gerüche zu reagieren.

Einige Pheromone werden von Säugetieren über das sogenannte Vomeronasale Organ (VNO) aufgenommen. Es ist ein Teil des Mundes und der Nase, welcher es vielen Arten von Wirbeltieren erlaubt, die Pheromone, die sie einatmen, zu schmecken.

Michael erläutert: „Das Problem bei Menschen ist, dass es keinen Beweis dafür gibt, ob wir überhaupt über ein VNO verfügen. Eine Art VNO ist bei Föten im Mutterleib zu erkennen, aber es bildet sich noch vor der Geburt vollständig zurück.

„Das Gen, das für die Bildung des VNO verantwortlich ist, hat sich bei unseren Vorfahren vor etwa 22 bis 16 Millionen Jahren so sehr verändert, dass sich das Organ zurückgebildet hat. Seit dieser unglaublich langen Zeit spielen Pheromone also keine Rolle mehr bei der Fortpflanzung unserer Vorfahren und bei uns.“

Michael schließt sich also der aktuellen Wissenschaft an, die davon ausgeht, dass Pheromone beim Menschen keinerlei Effekt haben, geschweige denn überhaupt im menschlichen Körper existieren. Für die meisten Menschen riechen tierische Pheromone darüber hinaus unangenehm. Trotzdem lässt sich nicht abstreiten, dass Geruch eine Rolle in unserem Leben spielt, und das seit Millionen von Jahren.

 

Der älteste Sinn

Michael führt weiter aus: „Seit Milliarden von Jahren gibt es auf der Erde Leben. Die ersten Lebensformen wären für uns heute jedoch kaum als solche erkennbar. Sie waren Einzeller und bakterienähnliche Organismen.“

„Protobakterien waren dazu in der Lage, Nahrung oder gefährliche Substanzen im Wasser um sich herum zu erkennen. Das faszinierende dabei ist, dass der biochemische Mechanismus, der ihnen dazu verhalf, genau der gleiche ist, den wir heutzutage nutzen, um unangenehme Gerüche und Düfte wahrzunehmen.“

Die Art, auf die wir Gerüche aufnehmen, hat sich also seit Milliarden Jahren nicht wirklich verändert. Die Art, wie wir Gerüche nutzen, hingegen sehr stark. Wir nutzen unsere Nasen zwar immer noch dazu, Gefahren zu erkennen – etwa wenn wir Rauch, Schmutz oder verdorbenes Essen riechen, allerdings nutzen wir Gerüche nicht, um uns fortzupflanzen, zu verteidigen oder um zu navigieren.

Michael sagt, unsere Evolution habe dazu beigetragen, dass wir – im Gegensatz zu vielen anderen Spezies – keine „Sklaven“ der Gerüche sind. Wir reagieren nicht instinktiv oder unkontrollierbar, wenn wir einen bestimmten Geruch wahrnehmen. Stattdessen verlassen wir uns bei der Aufnahme von Informationen auf viele Quellen und Sinne. Das hat uns so sehr befreit, dass wir Düfte aus reinem Vergnügen nutzen können.

Das erklärt aber nicht, weshalb Gerüche bei uns so starke Emotionen auslösen. Wieso kann uns ein Duft glücklich machen, ein anderer nostalgisch? In seinem Gedicht Lichtenberg schreibt Rudyard Kipling: „Gerüche lassen Herzen schneller höher schlagen, als es Geräusche oder Sichtbares je könnten.“ Viele von uns würden dem wohl zustimmen.

Laut Michael sind unsere Emotionen durch Gerüche vermutlich ein Resultat der Primitivität unseres Geruchsinns. Denn selbst Einzeller waren und sind in der Lage zu riechen. Der Geruchsinn ist also ganz anders in unserem Gehirn verankert, als neuere Sinne.

Er sagt: „Die olfaktorischen Rezeptoren unter dem Nasenrücken sind direkt mit dem Teil des Gehirns verbunden, der für Emotionen zuständig ist.“

„Der Weg von der Nase ins Gehirn umfasst lediglich drei Neuronen. Beim Auge hingegen sind es deutlich mehr. Dieser kurze, direkte Weg zeigt, wie früh sich der Geruchsinn gebildet haben muss. Unsere Augen und Ohren versorgen nicht den Teil unseres Gehirns, der Emotionen kontrolliert, sondern andere Gebiete.“

„Riechst du eine Rose, geht das erste Signal zum emotionalen Gehirnteil, erst danach wandert es in den rationalen Bereich. Wenn du Rosenexperte bist und die Rosenart anhand ihres Geruches identifizieren möchtest, ist dein emotionaler Teil des Gehirns dazu nicht in der Lage. Erst wenn das Signal ins Endhirn gelangt ist, kannst du die Art definieren.“

 

Parfüm und Leidenschaft

Erschließt sich so auch die Verbindung von Parfüm und unserem Gehirn? Denn fast die gesamte Parfümindustrie bewirbt ihre Parfüms immerhin damit, dass wir so andere anlocken und betören. Ist das letztendlich eine Lüge? Denn immerhin haben wir gelernt, dass Düfte nicht bei allen Menschen den gleichen, prädispositionierten Effekt haben.

Doch eine Lüge ist es nicht. Auch wenn es wohl keine menschlichen Pheromone gibt, können Gerüche trotzdem unser Verhalten beeinflussen. Die starken Emotionen, die Düfte bei uns auslösen, zeigen, dass es psychologische Effekte gibt, obgleich keine physiologischen. Es ist keine chemische Verbindung, wohl aber eine assoziative. Das bedeutet, dass „jemand einen bestimmten Duft attraktiv findet, weil er ihn mit etwas oder jemandem, das er erfahren bzw. den er kennenlernte, verbindet“. Eine chemische Kraft, die uns dazu treibt, gibt es hingegen nicht. So wirkt das Ganze auch deutlich romantischer, findest du nicht?

Kommentare (0)
0 Kommentare