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My Body My Rules! Harnaam Kaur auf Tour durch Europa

Viele Menschen können ihren Körper nicht ohne weiteres nach dem Motto „Zeig, was du hast“ genießen. Ihnen macht Harnaam Kaur mit Body Positivity Mut.

Ich erinnere mich noch an die Zeit als Teenager. Ich blätterte in Frauenzeitschriften und wurde mit Bildern von Models bombardiert, die den angeblich idealen, aber mit Photoshop bearbeiteten Körper hatten. Ich wusste schon früh, dass ich niemals wie die Frauen aussehen würde, die auf all den Plakaten, in Werbung, in Magazinen und im Fernsehen gezeigt werden. Darunter litten mein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sehr. Als Teil der ersten Generation von Panjabi, die in England geboren wurden, war es ohnehin schon hart genug für mich, dazu zu gehören. Die Bilder mit all den perfekten Körpern, deren Maße ich nie erreichen würde, quälten mich zusätzlich. Ich habe nie wirklich in die Norm gepasst und dann entschied sich mein Körper während der Pubertät auch noch dazu, dass mir als Frau ein Bart wachsen sollte.

In der Schule wurde ich immer wieder gemobbt, da meine Körperbehaarung sehr ausgeprägt war. Ich verstand nie, warum ich so anders aussah, als all die anderen Mädchen. Die Diagnose der Ärzte lautete: „du hast PCOS“. Das war das Ergebnis zahlreicher Bluttests und Ultraschalluntersuchungen meiner Eierstöcke, die ich über mich ergehen lassen musste.

PCOS, oder das Polyzystische Ovar-Syndrom, tritt bei einem Fünftel aller Menschen mit Eierstöcken auf. Es gibt viele Nebeneffekte dieses Syndroms, darunter unregelmäßige Menstruation, Unfruchtbarkeit, übermäßige Talgproduktion, Akne, ein erhöhtes Androgen-Level, starke Körperbehaarung, Diabetes, Herz- und Leberprobleme und mehr. PCOS beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die psychische Gesundheit und die Lebensqualität.

Die anderen Kinder begannen mit Bodyshaming und Mobbing, weil ich dicker wurde (auch das hängt mit PCOS und Hormonstörungen zusammen). Dann fingen die Leute auch noch damit an, über meine Körperbehaarung herzuziehen. Auch heutzutage werde ich deswegen noch belästigt und beleidigt. Das wird wohl immer so sein. Jetzt, als Erwachsene, kann ich damit gut umgehen, doch als Kind konnte ich das nicht. Die Jahre in der Schule waren für mich die Hölle.

Ich hatte Depressionen, wollte das Haus nicht mehr verlassen, hatte kein Selbstwertgefühl und Selbstmordgedanken.

Doch als ich 16 Jahre alt war, hatte ich genug davon. Ich entschied mich ganz bewusst dafür, glücklich zu sein. Ich bin zum Glück sehr stur. Also ließ ich meine Gesichtsbehaarung einfach wachsen. Ich habe einen dichten, schönen, glänzenden Vollbart, den ich liebe. Man kann es nicht allen Recht machen und ich musste stark gegen die Meinung meiner Freunde und Familie ankämpfen, die mit meiner Entscheidung nicht einverstanden waren. Manchmal ist es so, dass deine Liebsten nicht das wollen, was eigentlich am besten für dich wäre.

Ich bin der Überzeugung, dass sich eine Menge Leute mit meiner Geschichte identifizieren können. Es gibt viel zu viele Menschen, die still leiden. Ich muss stark und selbstbewusst genug sein, um meine Stimme für sie zu erheben. Ich will Menschen dazu motivieren, die Gelegenheit nach einem besseren Leben selbst zu ergreifen.

Als Motivations-Coach habe ich das Glück, vor Schulkindern, bei Messen und zahlreichen anderen Events sprechen zu dürfen. Die Reaktionen fallen meist sehr positiv aus – denn so vielen Menschen geht es ähnlich wie mir. Ich kann ich selbst sein und das Beste daran ist, dass ich damit andere Menschen berühren und ihnen zeigen kann, dass man ein schönes Leben haben kann. In meinem Leben geht es darum, der Gesellschaft Werte zu vermitteln und die Menschen wissen zu lassen, dass sie glücklich in ihrer Haut sein können.

Wir sind so sehr darauf programmiert, Idealbildern zu folgen und diese als erstrebenswert anzusehen. Wir werden in Schubladen gesteckt. Das Resultat ist ein geschädigtes Selbstwertgefühl und Körperbewusstsein.            

Eine vielseitige Repräsentation unterschiedlichster Menschen ist mir sehr wichtig. Als ich jünger war, wünschte ich mir immer, Menschen im Fernsehen oder in Zeitschriften zu sehen, die so sind wie ich. Ich erkannte schnell, dass ich selber die Person sein musste, die Menschen wie mich repräsentiert.

My Body, My Rules ist mein Lebensmotto und gleichzeitig Titel der Kampagne, mit der ich durch Deutschland, die Niederlande und Italien toure. Bei der Kampagne geht es um den Abbau von Gender-Stereotypen und von Menschen gemachten Schönheitsidealen.

Für mich war es ein radikaler Prozess, meinen Finger bewusst in diese Wunde der Gesellschaft zu legen. Aber so bin ich und so will ich sein. Ich habe so hart dafür gekämpft, zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin. Ich schätze und liebe meinen Körper, er ist so, wie ich ihn haben will. Ich freue mich darauf, diese befreiende Lebenseinstellung möglichst vielen Menschen in Europa näher zu bringen. Ich hoffe, möglichst viele dazu zu motivieren, ihr Leben, ihre Zufriedenheit und ihre Lebensziele selbst in die Hand zu nehmen.

Kommentare (2)
2 Kommentare

etwa 2 Monate her

Danke für diesen wundervollen Beitrag! Beim Lesen kamen mir die Tränen, weil ich mich in Harnaam hineinversetzten konnte. Und bin so stolz, dass sie diese Stärke erlangt hat, die wir wir heute erleben dürfen. Rose

Lush Kundenservice

etwa 2 Monate her

Mitarbeiter

Hallo Roswitha, vielen Dank für deine lieben Worte zu diesen Artikel! Wir sind auch sehr berührt von Harnaam Kaur Worten und ihrer Power! :) Liebe Grüß, Vroni von LUSH Österreich