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Wie das Baden im Freien meine Bade-Routine revolutioniert hat

Das Baden im Freien – umgeben von üppigem Grün, unter der glühenden Sonne – übt eine besondere Faszination auf mich aus. Obwohl ich auf einer Insel lebe, kann ich nicht annähernd so oft draußen baden, wie ich gerne würde. Ich denke, das geht vielen so, die in Großbritannien leben. Zwar gibt es hier einige wunderschöne natürliche Badestellen, aber die Realität sieht meist eisig kalt aus. So muss ich mich meistens mit meiner Badewanne zufriedengeben, wenn mir der Sinn nach einer Auszeit im nassen Element steht.

 

Das Baden in der Natur ist für mich eine Art Meditation. Ähnlich wie beim japanischen Shinrin Yoku, dem Waldbaden, fühle ich mich ausgeglichen und erlebe mich als Teil einer größeren Welt. Irgendwie schafft es das reine, frische Wasser, das über meine Haut perlt, alle Anspannung, Unruhe oder Negativität, die sich in mir angestaut hat, wegzuspülen. Beim Baden im Freien bin ich verwundbar: es gibt keine Kleidung, hinter der ich mich verstecken kann. Ich muss ohne Handy auskommen und bin ganz mir und meinen Gedanken überlassen. Wenn ich in die atemberaubende Schönheit der Natur eintauche, wird mir klar, dass die Welt so viel größer ist als ich selbst – dass ich ein kleiner Teil im unendlichen Universums bin.

Natürliche Badestellen gibt es überall auf der Welt. Ich hatte das große Glück, einige zu bereisen. Die schönsten von ihnen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf – wundervolle Erinnerungen daran, wie sich meine Sorgen in Wohlgefallen aufgelöst haben, sobald mich das Wasser umfangen hat. Mein Reiseverhalten wird mittlerweile vom Wasser dominiert und ich versuche, so viele Naturwunder wie nur möglich aufzuspüren. Es ist unglaublich, was man entdecken kann, wenn man sich einer neuen Tradition oder einem ungewohnten Ritual öffnet. Man erkennt, dass die Idee nicht neu ist, im Gegenteil, Baden liegt schon seit Jahrhunderten im Trend. Seit ich das Baden in der Natur für mich entdeckt habe, bin ich mit einem Bootstaxi über den Titicacasee in Bolivien gefahren, habe die glatten Felsen der Dunn’s River Wasserfälle auf Jamaika erklommen und sogar Delfine vor der Küste von Aberystwyth in Wales beobachtet. Eines meiner Lieblingsbäder habe ich in den heißen Quellen von Cacheuta in Argentinien genommen.

Die Andenregion ist für ihre warmen Quellen bekannt. Bäder und Wellness-Einrichtungen, die das heiße Quellwasser des Mendoza-Flusses nutzen, sind schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts beliebt. Das Bad im Quellwasser fühlte sich fast so an wie ein heißes Bad bei mir zu Hause, mitten im trüben britischen Winter. Die Luft um mich herum war eisig kalt und das Wasser so heiß, dass es am Anfang fast ein bisschen wehtat – ein merkwürdiger, aber angenehmer Gegensatz. Von meiner Haut stieg Dampf auf, während die Wärme des natürlichen warmen Quellwassers meinen Körper durchströmte. Es fühlte sich ziemlich unwirklich an, in heißem Wasser zu sitzen und dabei den Blick über die schneebedeckten Gipfel der Anden schweifen zu lassen. Dieses Erlebnis brachte mir eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit.

Doch beim Baden in der Natur geht es nicht nur um Meditation. Es hatte schon immer eine sehr praktische Seite: das Ritual der Reinigung. Vor Kurzem kam ich aus Jamaika zurück – dem Land, das auch als „Land des Holzes und des Wassers“ bekannt ist. Und der Name kommt nicht von ungefähr. Auf der Karibikinsel gibt es neben den wunderschönen perlweißen Stränden über 100 Flüsse und mindestens 15 Wasserfälle. Immer wieder sieht man Einheimische in den Flüssen und Seen baden – schließlich sind es natürliche Badestellen, die von den Quellen oben in den Bergen ständig mit frischem Wasser versorgt werden.

Doch nicht nur das Wasser hat es mir angetan: Die Natur dort hat einiges an Schätzen zu bieten. Die Nationalfrucht Jamaikas, die Akee, kann man sogar als Seife verwenden. Wenn die unreifen Früchte aneinander gerieben werden, erzeugen sie einen Schaum, mit dem man wunderbar Wäsche waschen kann. Aber mein Favorit ist definitiv die schöne klärende Schlamm-Maske. Auf meiner Reise besuchte ich das Blue Hole in Ocho Rios, einer Küstenstadt im Norden der Insel. Die Flüsse und Teiche verdanken ihren Namen dem Kalkstein, der dem Wasser eine unglaublich leuchtend blaue Farbe verleiht. Nachdem wir unter einem Wasserfall hindurchgetaucht und in eine Höhle im Blue Hole geklettert waren, erwartete uns ein natürliches Schlammbad. Ich konnte einfach die Höhlenwand befeuchten, den roten Lehm verreiben und voilà: schon hatte ich eine wunderbare feuchtigkeitsspendende Maske.

Weil ich nicht jeden Tag in natürlichem Wasser baden kann, versuche ich, den meditativen Gemütszustand, den ich beim Baden im Freien erreiche, in meine Bade-Routine zuhause einzubauen. Wenn man in einer großen Stadt mit hoher Luftverschmutzung und vielen Menschen lebt, kann einem schon mal die Luft wegbleiben. In London, umgeben von glänzenden grauen Gebäuden, fühle ich mich oft von der Natur und vom Rest der Welt abgeschnitten. Das Baden ist mein Ausgleich dazu geworden – Zeit für mich selbst, die mir heilig ist. Mein Handy darf nicht mit ins Badezimmer, während ich genussvoll in die Wanne sinke und das Wasser über mich hinwegplätschern lasse. Wenn ich mich zwischen meinen Zimmerfarnen und Sukkulenten im Wasser entspanne, kehre ich im Geiste zu meinen Reisen zurück – und wieder überkommt mich diese Ruhe. Meine Wanne kann es vielleicht nicht mit einem riesigen Wasserfall aufnehmen, aber hier zu entspannen schenkt mir inneren Frieden und lässt mich die glücklichen Erinnerungen an meine Reisen aufs Neue erleben. Und wenn sich die Gelegenheit ergibt, dem Alltag zu entkommen und eins mit der Natur zu werden, dann ergreife ich sie.

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